48 Stunden in Barcelona
Die Stadt der Gegensätze
Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen in Barcelona
Traditionsbewusstsein und Aufbruchstimmung, Champagner und Gosse, Kunst und Kitsch, Stolz und Minderwertigkeitsgefühl, Geschäftsmann und Gaukler, Lärm und selige Ruhe, mitten in den Bergen und doch am Meer - keine Frage, Barcelona ist die Stadt der großen Gegensätze. Doch genau dieses Nebeneinander der Kontraste macht die Perle Kataloniens auch zu einer der spannendsten Metropolen Europas.
Flaniermeile Ramblas
Von Literaten und Gauklern
Die erste Ahnung vom leicht durchgeknallten Wesen dieser Stadt bekommt man kurz nach dem Frühstück. Auf den Ramblas nämlich. Einst ein Treffpunkt der Literaten und ihrer Musen ist die Flaniermeile im Herzen der Millionenstadt heute eine freilich nicht weniger malerische Spielwiese für Gaukler und fahrende Händler. Einmal hinauf und einmal hinunter geschlendert - ramblejar nennen die Spanier das und daher verdanken die Ramblas ihren Namen. Zumindest einen kleinen Zwischenstopp ist die Bouquería allemal wert. Ein kurzer Blick und man ahnt schon, warum diese Markthalle auch den Beinamen "Bauch von Barcelona" trägt. Auch wenn sich der Hunger zwischen spanischen Würsten, Gemüse und Gebäck vielleicht noch nicht einstellen will - zumindest einen kleinen Café Solo (Espresso) in der zentralen Bar "Pinoxio" sollte man sich gönnen. Versprochen: Das Auge trinkt mit. Über die Ramblas geht es in Richtung Altstadt bis zur Placa Reial. Bis zum Beginn des 19. Jahrhundert ein Ort der Stille, stand an dieser Stelle doch der Konvent des Kapuzinerordens. Doch die Klostermauern brannten ab, und diese Katastrophe bescherte Barcelona seinen wohl schönsten Innenstadtplatz. Ein Ort, den sich übrigens auch Nachtschwärmer getrost merken dürfen. Und nicht nur wegen des beliebten Restaurants "Les Quinze Nits", bei dem Einheimische wie Touristen für die begehrten Plätze Schlange stehen. Die Placa Reial mit ihren Clubs ist auch ein Treffpunkt für Musikfreunde.
Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen
Bis zum Abend freilich ist noch Zeit - zuvor wartet noch ein Ausflug in die Geschichte. Im verschwiegenen gotischen Viertel verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart dieser faszinierenden Stadt. Wer lange genug durch die verwinkelten Gassen dieses ältesten Teils von Barcelona geschlendert ist, der hat sich eine süße Belohnung redlich verdient. Eine Tasse Kaffee und ein Plunderstückchen aus dem 100 Jahre alten Ofen im "Mesón del Café" lassen aufkommende Ermüdungserscheinungen schnell vergessen. Noch Lust auf eine kleine Shopping-Tour? Die umtriebige Passeig de Gràcia oder die ruhigere Rambla de Catalunya nördlich des gotischen Viertels haben für alle Geschmäcker so einiges zu bieten. Der Tag klingt aus mit einem Abendessen im malerischen Künstlerviertel Ribera. Aber nicht überrascht sein - vor 22 Uhr sind die Lokale in der Regel verwaist. Wer es lieber etwas lauter mag will, der kann sich auch direkt ins Nachtleben, der nicht ganz umsonst als Party-Metropole bekannten Stadt, stürzen. Im Evergreen-Club "Otto Zutz" etwa wird die Nacht mit Schwung zum Tage gemacht.
Hafen von Barcelona
Eine erste Nervenprobe
Den zweiten Tag nimmt man deshalb besser mit Ruhe in Angriff: Mit einem Ausflug auf den Montjuic. Am schönsten mit der Seilbahn, die Barcelonas Yachthafen mit dem Hausberg verbindet. Gute Nerven sind allerdings gefragt, denn die Kabine schaukelt in stattlicher Höhe über das Hafenbecken hinweg. Und eröffnet damit so manchen Einblick in die wahren Dimensionen dieser pulsierenden Stadt. Über die surrealen Parklandschaften der Jardins Costa i Llobera erreicht man ein Viertel, das vom bislang letzten Entwicklungsschub für die katalonische Metropole zeugt. Die Area Montjuic nämlich, die Austragungsstätte der olympischen Spiele von 1992. Auch wenn der Putz vom mächtigen Olympiastadion oder dem benachbarten Palau Sant Jordi langsam abbröckelt – Architekten aus aller Welt haben Barcelona, ohne Zweifel, das kreativste Sportzentrum der Welt beschert.
Der König der Schnörkel
Die rechte Überleitung, um sich auf die Spuren eines Künstlers zu machen, der wie kein zweiter das Gesicht Barcelonas geprägt hat: Antonio Gaudi. Zumindest zwei seiner vielen Werke sollten auch beim Kurzbesuch nicht fehlen. Über den Palau Nacional geht es deshalb wieder in die Niederungen der Stadt. Bis zur Casa Milá an der Passeig de Gracía, die auch weniger aufmerksamen Beobachtern schon beim Shoppen am Tag eins ins Auge gefallen sein dürfte. Eine Fassade wie eine Welle, Fenster wie Luftblasen im Gestein, Balkongitter, die sich wie Schlingpflanzen in Richtung Dach wölben – sicher kein Zufall, dass Gaudi auch den Beinamen „König der Schnörkel“ trägt. Der Schlusspunkt freilich gebührt der himmlischsten Baustelle Barcelonas. Der Kirche „Sagrada Familia“ nämlich, die – obwohl auch weit über 100 Jahre nach Baubeginn noch gar nicht fertig gestellt – heute als Wahrzeichen angesehen wird.
Doch auch das ist ja irgendwie typisch für diese ungewöhnliche Stadt.
Patrick Reichelt